Viel älter noch als die
stolze Reichsstadt (seit
1371 n. Chr.) ist die Weinstadt
Heilbronn. Anno 766 ist Weinbau in den Stadtteilen
Böckingen, Biberach und Frankenbach belegt, 1146 am Nordberg-Wartberg
in einer Schenkungsurkunde der Uta von Calw für das Kloster
Hirsau.
Der Wein und der Neckar, das waren die Quelle
von Macht und Wohlstand der erstmals 741 n. Chr. als
„villa helibrunna" urkundlich erwähnten Stadt
Heilbronn. Es war ein reichsstädtisches Privileg, dass
jeder Bürger seinen eigenen Wein keltern durfte.
Im Jahr 1550 standen rund 170 Spindelpressen in Heilbronner
Keltern. Aber natürlich eigneten nicht deren Besitzer,
„Bauwengerter"
genannte Taglöhner, den Löwenanteil der Rebflächen,
sondern Klöster, Adlige und
reichsstädtische Patrizier.
Als Goethe 1797 Heilbronn
besuchte, notierte er in sein Tagebuch, die Stadt lebe fast
ausschließlich vom Weinbau. Wein war Handelsgut
Nr. 1 in Reichsstadtzeiten. Er prägte die Kultur,
das Zusammenleben, auch das Stadtbild und oft gar die Politik
des Magistrats im historischen Rathaus, das nach der Zerstörung
in den verheerenden Bombennächten des Jahres 1944 wie
die Kilianskirche als Symbol des Heilbronner Lebenswillens
wiederaufgebaut wurde.
Beredtes Originalzeugnis von Weingeschichte und Geschichte
der Stadt ist das „Heilbronner
Weinbüchlein", das von 1519-1652 geführt
wurde. „Der pesst Neckerwein wächst zu Haylbrun“,
das wusste schon im 16. Jahrhundert der Hofkaplan des Kaisers
Maximilian I.
Auch in unseren Tagen schlägt das Herz
des Württemberger Weinbaus im Unterland. Auf rund
10.000 Hektar wächst der „Württemberger“,
rund die Hälfte davon reift im Raum Heilbronn. Die Stadt
selbst zählt mit über 600 Hektar zu de wichtigsten
Weinbaugemeinden im Land - nach Ertrag und Qualität gerechnet.
Hervorragende Lagen, höchste Qualitätsmaßstäbe,
das über viele Jahrhunderte tradierte Können. Aber
auch Aufgeschlossenheit gegenüber dem Neuen begründen
den exzellenten Ruf des Heilbronner Weines.
Die Emanzipation des Bürgertums machte auch vor den
Heilbronner Wengertern nicht halt. Durch Kauf und Pacht wurden
die Nachfahren der Bauwengerter im 19. Jahrhundert zu den
Herren von Weinbergen und Stadt.
Aber auch wirtschafts- und naturwissenschaftlich Impulse,
die Organisation im Weingärtnerverein
und in der Genossenschaft
sowie eine strenge Qualitätskommission
sorgten für den Aufschwung, gegen den sich nach
1890 die Reblaus und die Aufhebung der Schutzzölle verbündeten.
Einen Wengert zu haben, gehörte im späten 19. Jahrhundert
einfach zum guten Ton in Heilbronn.
Die städtische Creme feierte so manches Bacchanal in
ihren prächtigen Herrschafts-Weinberghäusern
auf dem Wartberg, deren Architektur und Zweck nichts mehr
zu tun hatten mit den bescheidenen Arbeitshütten in den
Rebe. Eine konservativ-liberale Elite entstand in Hellbronn,
„der Stand“.
„Weinbau und Weingärtnerstand in Heilbronn am Neckar“,
so lautet der Titel der national-ökonomischen Doktorarbeit
von Theodor Heuss aus dem
Jahre 1905.
Hermann Schneider (1879-1955),
aus einem alteingesessenen Heilbronner Wengertergeschlecht
stammend, begründete das Qualitätserzeugnis
„Württemberger“, verhalf ihm zum Überleben
und zum Erfolg. Durch seine Züchtungen widerlegte er
die landläufige Meinung, dass Ertragssteigerung durch
Selektion die Qualität mindere. Zuvor gab es in Württemberg
bis zu 120 Rebsorten. Trollinger,
Clevner, Schwarzriesling und Samtrot sind die Früchte
seiner Arbeit. Schneider ist es auch zu verdanken, dass sich
der Edelweinbau gegen den Anbau eingeführter minderwertiger
Hybridenreben durchsetzte. Zusammen mit Otto
Haag (später wie Schneider langjähriger Präsident
des Weinbauverbandes Württemberg) machte er gewaltig
Druck gegenüber der Politik.
Ausgangs der 20er Jahre, in der entscheidenden Sitzung des
württembergischen Landtages, gewann die Edelrebe dank
Schneiders Engagement mit einer Stimme Mehrheit. Schneider
setzte sich für den ..Lehrberuf
Weingärtner" sowie für die rationelle
Bewirtschaftung durch die Flurbereinigung
ein und unterstützte die Heilbronner Wengerter nach den
verheerenden Verlusten des Zweiten Weltkrieges beim Neuanfang.
Hermann Schneider, Wengerter, liberaler Stadtrat und Landtagsabgeordneter
- ein herausragender Vertreter des Heilbronner „Standes".
In aller Munde ist der Heilbronner Wein, auch in dem der
Dichter und Denker. „Wer W'ein säuft, sündigt.
Wer Wein trinkt, betet", so lautete das Credo des ersten
Bundespräsidenten und Literaten Theodor
Heuss (1884-1963). der seine Gymnasialzeit in Heilbronn
verbrachte und von 1912 bis 1917 die Heilbronner „Neckar-Zeitung"
als Chefredakteur gestaltete.
Viele Poeten zog es an den
Wartberg, auch Goethe. Das Kernerhaus im benachbarten Weinsberg
war Treffpunkt des schwäbischen Dichterkreises. Justinus
Kerner reimte: „Wo der Winzer, wo der Schnitter
singt ein Lied durch Berg und Flur, da ist schwäbischer
Dichter Schule, und ihr Meister heißt Natur." Und
Hermann Able, aktiver Heilbronner
Weinpoet und Wengerter, schrieb über den Wein-Geist:
„Besinnlich, begeistert, weise und philosophisch besangen
unsere Dichter den Wein, so wie es ihnen ihr Empfinden und
ihr Sprachgefühl gebot. Ob sie still und allein in kühler
Stube ruhevoll zechten oder es vorzogen, den Wein zwischen
schwelgenden Entwürfen zu schlürfen, sie hatten
eines gemein: die Liebe zum Wein." |